Gleichstellung weiter denken
RÜCKBLICK: TAGUNG "BEZIEHUNGSWEISEN"

Als Weiterführung der Diskussion des Gleichstellungspolitischen Rahmenprogramms des Senats von Berlin stellte die Tagung Beziehungsweisen: Geschlechterverhältnisse im Wandel der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen des Landes Berlin am Mittwoch, den 29. April 2009, in der Zeit von 09.30 – 18.30 Uhr die gegenwärtigen Entwicklungen in den Geschlechterbeziehungen in den Mittelpunkt.

Als Moderatorin der Tagung begrüßte Ulrike Helwerth vom Deutschen Frauenrat die über 300 Teilnehmerinnen im Grand City Hotel Berlin Mitte und übergab das Wort an Harald Wolf, Bürgermeister und Senator für Wirtschaft, Technologie und Frauen. Der Senator eröffnete die Tagung inhaltlich mit einem Blick auf bisherige als auch zukünftige Maßnahmen zur Weiterentwicklung der Gleichstellung in Berlin und Deutschland.

Dieser Einordnung der Tagung in die Aktivitten der Berliner Verwaltung und Politik folgte ein analytischer Ausblick auf den Wandel der Geschlechterverhältnisse durch Prof. Dr. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. In Ihrem Referat We can work it out? Ein Blick nach vorn auf die Herausforderungen und Chancen in Bildung, Beruf und Familie ging Prof. Allmendinger auf den viel diskutierten Wandel der Geschlechterrollen ein: Auf der einen Seite stehen objektiv erfassbare Entwicklungen wie der Anstieg des Bildungs- und Ausbildungsgrades wie auch der Erwerbsquote von Frauen, resultierend in einer wachsenden Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Auf der anderen Seite, mit Blick in die tägliche Praxis, lassen sich bestenfalls unterschiedliche Geschwindigkeiten in der Geschlechtsrollenentwicklung beobachten. Ihr Beitrag stellte nicht nur diese Szenarien einander gegenüber, sondern zeigte zudem notwenige Handlungsfelder für die Zukunft auf, die im Anschluss angeregt mit dem Fachpublikum diskutiert wurden.

Dem Blick nach vorn folgte ein historischer Blick auf das männliche Rollenverständnis. In seinem Referat Krisen ohne Ende. Ein Blick zurück auf männliches Rollenverständnis im Wandel der Geschlechterverhltnisse fokussierte Dr. Olaf Stieglitz von der Universität zu Köln drei Aspekte: 1) die Beziehungen von Männern und Frauen, Männlichkeit und Weiblichkeit in modernen Gesellschaften; 2) die Genderforschung und ihr Blick auf Männer und Männlichkeit und 3) die Krise der Männlichkeit als Reaktion auf die Erfolgsgeschichten der Emanzipation der Frau. Diese Aspekte wurden insbesondere mit Rückgriff auf historisches Material (Umfragen, Analysen, wissenschaftliche Konzepte) aus den USA unterlegt.

Nach der Mittagspause eröffnete der Kurzfilm Zum Wandel der Beziehungen zwischen Frauen und Männern im Spielfilm, erstellt von Maria S. Schmidt, den Nachmittag der Tagung. Der 20 minütige analytische Zusammenschnitt von bekannten Sequenzen der Filmgeschichte zeigte auf eindrückliche Weise in Dialogen den Wandel der Beziehungen zwischen Mann und Frau und den Stereotypisierungen beider Geschlechter seit den 1930ern auf. Die ausgewählten Filmszenen nahmen dabei bewusst Bezug auf die inhaltlichen thematischen Ausrichtungen der Referate des Tages. Die sich anschlieenden drei Referate am Nachmittag zeigten die gegenwärtigen Entwicklungen der Geschlechterverhältnisse unter den Aspekten Geschlecht, Alter, soziale und nationale Herkunft auf.

Im Mittelpunkt des Referats von Dr. Kathrin Leuze vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung stand die Suche nach den Motoren des Geschlechtsrollenwandels. Auf Grundlage der Ergebnisse einer Befragung der deutschen Erwerbsbevölkerung untersuchte Dr. Leuze den Zusammenhang zwischen Sozialstruktur und den unterschiedlichen Formen von Beziehungskonzepten. Die Frage lautete: Ist die Individualisierung der privaten Beziehungen nur ein Phänomen der Mittel- und Oberschichten also eine halbierte Individualisierung?

Einen Einblick in den Wandel der Rollenvorstellungen von Menschen mit Migrationshintergrund präsentierte Prof. Dr. Christine Huth-Hildebrandt von der Fachhochschule Frankfurt am Main in ihrem Vortrag Zwischen Tradition und Selbstbestimmung. Nach der Definition der heterogenen Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund verdeutlichte Prof. Huth-Hildebrandt die Entwicklung der Vorstellungen von Herkunftstraditionen und Geschlechterrollenverständnisse der MigrantInnen: von der Rede über die Anderen hin zur Rede mit ihnen. Zur Abbildung von Alltagswirklichkeiten fordert Prof. Dr. Huth-Hildebrandt eine differenzierte Betrachtung der Beziehungsstrukturen, insbesondere anhand erzählter Lebensgeschichten. Nur so kann der Blick geöffnet werden auf die gelebten Beziehungen im familiären Rahmen von MigrantInnen, in dem die Familie zu einem Mehrgenerationengefüge mit zum Teil bis zu vier Generationen geworden ist.

Dr. Detlef Oesterreich, Berliner Institut für Sozialforschung, bezog im letzten Referat Stellung zum Thema Neues Vorbild Ost?! Wandel der Beziehungsvorstellungen bei jungen Erwachsenen in den neuen Bundesländern. Anhand von Daten der ALLBUS-Untersuchungen und der Deutschen Lebensverlaufsstudie zeigte Dr. Oesterreich auf, dass es nach wie vor gravierende Unterschiede in den Einstellungen zu Partnerschaft, Ehe und Kindern zwischen den alten und neuen Bundesländern gibt. Allerdings kommt es seit 1990 eher zu einer Angleichung an das in der DDR gelebte Modell als an das traditionelle Modell in der Bundesrepublik.

Die Tagung wurde im Anschluss an die Referate abgerundet durch die Abschlussdiskussion unter dem Titel Beziehungen und andere Katastrophen. Probleme und Chancen des Geschlechtsrollenwandels mit der Staatssekretrin für Wirtschaft, Technologie und Frauen des Landes Berlin, Almuth Nehring-Venus, und Prof. Dr. Hilde von Balluseck von der Alice Salomon Hochschule Berlin. In der von Ulrike Helwerth moderierten Diskussion fassten Staatssekretärin Nehring-Venus und Prof. Dr. von Balluseck ihre Eindrücke und gewonnenen Erkenntnisse der Tagung zusammen und diskutierten intensiv mit dem anwesenden Publikum über die Umsetzung der angesprochenen Aspekte der Geschlechterrollenwandels in die Praxis.

Die Diskussion des Wandels der Geschlechterverhältnisse und der inhaltlichen und strategischen Weiterentwicklung der Berliner Gleichstellungspolitik ist damit allerdings nicht beendet. Auf unserer Website steht Ihnen ein Gästebuch für Ihre Kommentare, Meinungen und Anregungen zur Tagung und zum Gleichstellungspolitischen Rahmenprogramm zur Verfügung. Diskutieren Sie mit wir freuen uns auf Ihre Beiträge! Zum Gästebuch.

Die Handouts und Präsentationen der Tagung finden Sie hier