RÜCKBLICK: FACHTAGUNG „MÄDCHEN, JUNGEN, GENDERKRAM? BERLINER WEGE IN DER JUGEND- UND BILDUNGSARBEIT“ AM 15. DEZEMBER 2010
Die Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen lud am Mittwoch, den 15. Dezember 2010, von 10.00 – 17.00
Uhr ein zur Fachtagung „Mädchen, Jungen, Genderkram – Berliner Wege in der Jugend- und Bildungsarbeit“.
Das Ziel der Fachtagung war es, die bisher erfolgten Gender Mainstreaming Maßnahmen und Projekte im Bereich
der Jugend- und Bildungsarbeit einer umfassenden Auswertung zu unterziehen und gemeinsam mit Expertinnen und
Experten aus Theorie und Praxis einen Fachaustausch zwischen den Bezirken, den beiden zuständigen Senatsverwaltungen
für Wirtschaft, Technologie und Frauen und Bildung, Wissenschaft und Forschung und dem Sozialpädagogischen
Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg (SFBB) zu leisten. Der Fachtag wurde von den ca. 230 Teilnehmenden
intensiv genutzt, um sich zu vernetzen und über eigene Erfahrungen, Ansätze und Projekte auszutauschen. Die
inhaltliche Vorbereitung der Tagung lag bei Eva Katharina Gottwalles und Dr. Dorit Meyer, die Moderation
übernahm Dr. Regina Frey vom Genderbüro Berlin.
Staatssekretärin Almuth Hartwig-Tiedt
eröffnete als Vertreterin der Veranstalterin, der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen, die
Fachtagung. In ihrer Begrüßungsrede gab Sie einen Überblick über die neunjährige Praxis des Gender Mainstreamings
in der Jugend- und Bildungsarbeit. Gerade der Bereich der Jugendarbeit zeichnete sich von Beginn an für Fragen der
Gleichstellung von Jungen und Mädchen durch ein hohes Problembewusstsein und eine große Bereitschaft zur
Auseinandersetzung mit diesem Thema aus. Während sich auf bezirklicher Projektebene die fachliche Entwicklung weiter
ausdifferenziert und spezifiziert und die Auseinandersetzung mit Genderfragen weitestgehend Alltag ist, bedarf es
doch eines stärkeren Austauschs zwischen den Projekten und einer gezielten Aufbereitung und Kommunikation der
Projektergebnisse. Auf Landesebene wurde mit dem Gleichstellungspolitischen Rahmenprogramm die Grundlage für eine
systematische Einbindung geschlechterpolitischer Perspektiven in die politischen Zielsetzungen geschaffen, was für
die Jugend- und Bildungsarbeit eine kontinuierliche Weiterentwicklung gleichstellungspolitischer Ansätze auch auf
Senatsebene bedeutet. Hierzu gehören Maßnahmen wie die Verabschiedung der „Leitlinien zur Verankerung geschlechtsbewusster
Ansätze in der pädagogischen Arbeit mit Mädchen und Jungen in der Jugendhilfe“ 2004 durch den Landesjugendhilfeausschuss
oder die Erhöhung des Anteils an männlichen Erziehern und Grundschullehrern.
Im Anschluss an die Begrüßung durch die Staatssekretärin richtete
Prof. Dr. E. Jürgen Zöllner,
Senator für Bildung, Wissenschaft und Forschung, in einer Videobotschaft das Wort an die Teilnehmenden und übermittelte
seine Grüße. Senator Zöllner gab einen kurzen Überblick über die in den letzten zehn Jahren durch die Senatsverwaltung für
Bildung, Wissenschaft und Forschung erfolgten Maßnahmen im Bereich Gender Mainstreaming: von der Etablierung gendersensibler
Konzepte in der Kinder- und Jugendhilfe über die Verankerung von Gender Mainstreaming als grundlegende Ziel- und
Handlungsorientierung im Handbuch „Qualitätsmanagement der Berliner Jugendfreizeitstätten“ bis hin zu den Qualifizierungsangeboten
des Sozialpädagogischen Fortbildungsinstituts Berlin-Brandenburg für pädagogische Fachkräfte. Ein wichtiges Anliegen der
Senatsverwaltung ist es hierbei „Mädchen und Jungen in den Lebensbereichen zu fördern, wo sie neue Wege gehen, Geschlechterstereotype
durchbrechen und tradierte Rollenbilder in Frage stellen.“
Die sich anschließenden Fachvorträge standen unter dem Motto „Alles Gender?“:
Leah Carola Czollek,
stellvertretende Frauenvertreterin der Alice Salomon Hochschule, bot in ihrem Vortrag „Rückblicke, Ausblicke, aktuelle
Herausforderungen“ zum einen den konzeptionellen Blick zurück auf die Definition von Gender Mainstreaming und die Einbettung
von Gender im Rahmen des intersektionalen Ansatzes in der Jugendarbeit. Zum anderen zeigte sie die Herausforderungen auf, die
sich aus diesem Ansatz und der Hinwendung zur Dekonstruktion von Geschlechtern (Undoing Gender) für die Jugendarbeit ergeben:
die Aneignung und Vermittlung von Gender/Diversity Wissen und Kompetenzen.
Claudia Lutze,
Sozialpädagogisches Fortbildungsinstitut Berlin – Brandenburg (SFBB), zeigte unter dem Titel „Gender Mainstreaming in der
Sozialpädagogischen Fortbildung“ den Prozess des Gender Mainstreamings im SFBB auf. Grundlegende Richtlinien im Verständnis von
Gender Mainstreaming waren und sind: Frauenpolitik und Gender Mainstreaming müssen als Doppelstrategie zur Herstellung von
Chancengleichheit verstanden werden und Gender Mainstreaming ist eine Strategie und kein Ziel. Gender Mainstreaming verstanden
als Querschnittsaufgabe auf den Ebenen der Organisations- und Personalentwicklung und der Projekte und Maßnahmen in allen
Bereichen der Jugendarbeit stellt auch aktuell neben Aspekten der Gender- und Diversity-Sensibilisierung, der Sensibilisierung
für geschlechtliche Vielfalt und sexuelle Orientierungen und die geschlechterbewusste Arbeit mit Mädchen und Jungen eine der
größten Herausforderung der Sozialpädagogischen Fortbildung dar.
Die theoretischen und konzeptionellen Überlegungen und Erfahrungen der Fachvorträge wurden nun durch die Präsentation von
erfolgreichen Instrumenten des Gender Mainstreamings in der Jugendarbeit ergänzt.
Danuta Sarrouh,
Vorsitzende des Landesjugendhilfeausschusses, gab einen Überblick über die Empfehlungen des Ausschusses zu den „Leitlinien
zur Verankerung der geschlechterbewussten Ansätze in der pädagogischen Arbeit mit Mädchen und Jungen in der Jugendhilfe“
(Berliner Leitlinien).
Wolfgang Witte
von der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung gab daraufhin in seiner Präsentation „Gender Mainstreaming in
Qualitätsmanagement, Berichtswesen und Wirksamkeitsdialogen der Berliner Jugendfreizeiteinrichtungen“ Einblicke in das
Modellprojekt zur Qualitätsentwicklung der Berliner Jugendarbeit. Er arbeitete die Gender Mainstreaming Maßnahmen im
Qualitätsmanagement, im Berichtswesen und in den Wirksamkeitsdialogen der Berliner Jugendfreizeiteinrichtungen heraus und
präsentierte zudem erste Ergebnisse zum Nutzen und zur Wirkung dieser Instrumente.
Nach der Kaffeepause, die intensiv für einen ersten Austausch von den Teilnehmenden genutzt wurde, wendete sich der Blick der
Tagung auf Good Practice Beispiele aus den Bezirken. Den Anfang machte
Michael Räßler-Wolff,
Bezirksstadtrat für Familie, Jugend und Gesundheit in Lichtenberg. Er gab in seinem Vortrag „Gender Mainstreaming und Gender
Budgeting im Jugendamt Lichtenberg“ einen Überblick über die Gender Mainstreaming Maßnahmen in der Lichtenberger Jugendhilfe,
u.a. die Einführung von AGs und des Handbuchs Qualitätsmanagement. Zudem zeigte er die Ziel- und Handlungsformulierungen
inklusive der entsprechenden Maßnahmen und Indikatoren zur Bewertung der Maßnahmen nach Gleichstellungskriterien (Gender Budgeting)
für die Finanzierung der Freien Jugendhilfe auf. Oberstes Richtungsziel ist dabei: „Die Jugendarbeit im Bezirk Lichtenberg
unterstützt Jungen und Mädchen in ihrer Vielfalt systematisch in der gleichberechtigten Teilhabe an allen gesellschaftlichen
Bereichen und fördert ihre individuelle Geschlechtsidentität.“
Als weiteres Good Practice Beispiel präsentierte sich der Bezirk Neukölln.
Dieter Martens
aus dem Jugendamt Neukölln präsentierte seine Thesen zur „Integration von Gender Mainstreaming in die regionalisierte Jugendarbeit“:
So war und ist Gender Mainstreaming immer ein wichtiger Aspekt der Jugendarbeit in Neukölln. Dies bewies er mit der Projektvorstellung
„Hip Hop meets Drums“ und einer detaillierten Auflistung von Maßnahmen seit 1999. Zudem wies er auf die methodische Verankerung von
Gender Mainstreaming am Beispiel der Stadtvilla Global mit ihren Raumnutzungs- und Angebotsanpassungen hin. Zudem kann Gender
Mainstreaming in Lichtenberg auf eine politisch-administrative Unterstützung zurückgreifen und wird 2011 über eine Einrichtungsbefragung
evaluiert.
Im Anschluss an die Präsentation der Good Practice Beispiele bat die Moderatorin der Tagung, Dr. Regina Frey, neben den Referierenden zudem
Johannes Middendorf, Amtsleiter Personal- und Finanzservice des
Bezirksamtes Lichtenberg, und Gabriele Vollekold, Bezirksstadträtin
für Jugend aus Neukölln, auf das Podium. Gemeinsam mit dem Publikum wurden Erfahrungen, Erfolge und Herausforderungen aus den Bezirken
diskutiert.
Die Diskussion wurde in der nun folgenden Mittagspause angeregt unter den Teilnehmenden fortgeführt und die Zeit für Netzwerkbildung und
einen regen Ideen- und Erfahrungsaustausch genutzt.
Am Nachmittag stand dann die vorschulische und schulische Bildungsarbeit im Fokus der Diskussion.
Jens Krabel
präsentierte unter dem Titel „Geschlechtersensible Elementarpädagogik – eine Bereicherung frühkindlicher Bildungsprozesse: Gender Mainstreaming
in Kindertageseinrichtungen“ die Ziele, Tätigkeitsfelder und Stolpersteine des EU-Projektes „Gender Loops“ und des Projekts „Koordinationsstelle
Männer in Kitas“. So zeigten sich im 2008 abgeschlossenen EU-weiten Projekt „Gender Loops“ die Themen Homosexualität in Kindertagesstätten und
die geschlechtergerechte Verteilung von Ressourcen als streitbare Themen und letztlich offene Fragen. Im Projekt „Männer in Kitas“ zeigte sich
das Thema geschlechtertypische Tätigkeitsaufteilungen in Kitas als weiterer Ansatzpunkt für neue Überlegungen und Maßnahmen.
Wie Schülerinnen gezielt und dabei spielerisch an IT-Techniken herangeführt werden können, zeigte
Anja Tempelhoff,
Schulleiterin der 6. Integrierten Sekundarschule Spandau, in ihrem Beitrag „ROBERTA – Mädchen erobern Roboter: Gender Mainstreaming in
schulischen Angeboten“. Um die naturwissenschaftlich-technische Mädchenbildung zu fördern, werden Roboter eingesetzt, die nicht nur
faszinieren und Spaß machen, sondern zudem das Programmieren begreifbar machen und Sozialkompetenzen fördern. Der Erfolg des Projektes
zeigt sich an der jährlichen Teilnahme und den zahlreichen Preisen von Mädchengruppen aus Berlin am RoboCup Junior seit 2005. Welche
Faszination Roboter nicht nur bei Schülerinnen auslösen, demonstrierte Frau Tempelhoff live mit einem eigens mitgebrachten Roboter-Affen.
Nach einer kurzen Kaffeepause wurde das dritte Projekt, „Geschichten über Gender…typisch Junge – typisch Mädchen“, von den Projektakteurinnen
und –akteuren
Sigrid Höhle,
Leiterin der VHS Treptow-Köpenick;
Dietlind Marunke,
kommissarische stellvertretende Schulleiterin der Isaac-Newton-Schule;
Sybille Wiedmann,
Gender Mainstreaming-Beraterin und Supervisorin, Karen Giese,
Theaterpädagogin; Christian Giese Schauspieler, Autor, Regisseur, Theaterpädagoge und Schauspieler, Autor,
Regisseur, Theaterpädagoge und Susanne Laßwitz-Heyn, Projektkoordinatorin und Erwachsenenbildnerin auf dem
Podium präsentiert und von der Projektfotografin Gudrun Arndt , begleitet. Neben der Vorstellung der zu
Grunde liegenden Projektkonzeption und des Gender-Konzeptes gaben sie einen Einblick in die Ergebnisse der Projektwoche zum Thema
„Typisch Junge – Typisch Mädchen“ an der Isaac-Newton-Schule und einen Projektausblick für das Jahr 2011.
Im Anschluss kamen alle Referierenden des Nachmittags auf dem Podium zu einer Diskussionsrunde zusammen. Interessierte Nachfragen aus dem
Publikum wurden beantwortet und auf dem Podium diskutiert.
Mit dem Rückblick auf den Tag und der Zusammenfassung einige zentraler Diskussionspunkte bzw. Forderungen, wie die Anwendung des bereitstehenden
Gender Mainstreaming Instrumentariums und das Potenzial von Geschlecht als Konfliktstoff, und einem Ausblick auf das Jahr 2011 schloss
Dr. Gabriele Kämper,
Leiterin der Geschäftsstelle Gleichstellung und Gender Mainstreaming, die Veranstaltung. Ihr Dank galt dabei den Mitwirkenden der Tagung,
insbesondere Eva Katharina Gottwalles und Dr. Dorit Meyer, die zur inhaltlichen Gestaltung der Fachtagung beitrugen. Gern folgten im Anschluss
die Teilnehmenden zudem ihrer Einladung zu Wein und Gesprächen im Foyer des Umweltforums.